Laniece in Ghana

Wer kennt diesen magischen Moment nicht aus etlichen Filmen, in denen die Hauptfiguren auf geheimnisvolle Weise eine neue Welt betreten – sei es nun Harry Potter, der durch den Bahnsteig 9 ¾ nach Hogwarts gelangt oder die Geschwister Peter, Susan, Edmund und Lucy Pevensie, die durch den geheimen Schrank im Haus ihrer Großvaters Narnia entdecken. Wer meint, dass dies nur in Filmen möglich sei, der sollte diesen Bericht auf jeden Fall aufmerksam lesen, denn genau so ging es mir als ich nach der dreistündigen Fahrt mit Trotro und Taxi das kleine Dorf Nkwabeng betrat.
Ja, nun kann ich von der kleinen überschaubaren Straße mit ca 100 Einwohnern in der ich großgeworden bin auch nicht sagen, dass es sich um eine Metropole handelt, aber was mich in Nkwabeng erwartete, gab mir beihnahe die Illusion, ich sei in einer Großstadt aufgewachsen. „Une ville très tranquille“ hätte meine ehemalige Französischlehrerin nun passenderweise gesagt, denn in Nkwabeng war es so friedlich und ruhig, dass ich mich fragen musste, ob ich vielleicht wie Meggy in Tintenherz oder der kleine Bastian Balthasar Bux in der unendlichen Geschichte mein Märchenbuch einfach zu lange gelesen hatte und nun versehentlich in der im Buch dargestellten fiktiven Welt gelandet sei: In disem Fall Nkwabeng. Ja, ich befand mich in einem „Land vor unserer Zeit“. Weit weeeeit weg von Begriffen wie Wirtschaftsaufschwung, Wirtschaftswachstum, Wirtschaftsfall, Rezession, Inflation, Deflation, Euro-Krise, EU-Rettungsschirm, Krim-Krise… Begriffe, die in unserem Leben doch so wichtig und elementar waren, Themen über die fast in jeden Nachrichten, Zeitungen, Radiosendungen, Diskussionsrunden gesprochen wird – fast wie in einer Dauerschleife. Und trotzdem schien all dies in Nkwabeng niemanden so wirklich zu interessieren.
Dieses stille Dorf in mitten von Ghana war einfach so da und ich erkannte, dass meine Lebenswirklichkeit, die ich wahrscheinlich im Anfall des Wahns generalisiert habe definitiv nicht für jeden zählte.
Ich sah, dass die Menschen hier weitaus weniger besaßen als zum Beispiel viele Menschen in Kumasi, eine der größten und wichtigsten Städte in Ghana, in der ich den Großteil meiner Zeit verbracht hatte. UND dennoch sah ich mehr lachende Kinder als in Kumasi. Das erstaunte mich sehr. „Geld allein macht wirklich nicht glücklich“, war sofort mein erster Gedanke. Das war ein Schlüsselmoment. Hier lag etwas Besonderes in der Luft, hier steckte Potential und bildog (Bildung ohne Grenzen e.V.) mittendrin. Mehr lachende Kinder, heißt nicht weniger Probleme – bitte diese Aussage um Himmels willen nicht falsch verstehen – aber es zeigt, dass es Hoffnung gibt.
Und diese Hoffnung, die ich dem Lachen der Kleinsten ansah, war und ist dringend nötig, wie sich in den darauffolgenden Tagen herausstellte, denn die Probleme sind groß: Kinder, die im Alter von elf oder zwölf Jahren schon schwanger werden, Eltern, die ihre Kinder nicht bei den Hausaufgaben unterstützen konnten, Schulen, die über elementares Schulmaterial nicht verfügten, Schüler, die sich aufgrund mangelnender finanzieller Mittel, keine Schulkleidung leisten konnten, Perspektivlosigkeit an allen Ecken und Enden. Wir von bildog haben im Dialog mit den Menschen – alt und jung – feststellen können, dass wenn wir Fischen lehren, die Menschen bereit sind selbst zu Fischen. Die wichtigste Voraussetzung für unser Engagement vor Ort. Ama, die die Projektreise initiierte und leitete wurde nicht müde den Dorfältesten zu erzählen, dass wir keine Magier mit Zauberstäben seien, sondern lediglich Impulse setzen, die die Menschen vor Ort selbst aufnehmen und umsetzen müssen.
Eine große Bewunderung kam in mir auf für die Menschen, die es offensichtlich so schwer hatten und dennoch etwas Schönes im Leben sehen konnten. Menschen, die es wie jeder andere Mensch auf diesem Planeten verdient hatten, auch glücklich zu sein. Es gab keinen Unterschied zwischen uns. Jeder ist Mensch, wir alle gehören letztendlich zu einer großen Familie. Kein Mensch ist umsonst. Ja, genau das war es.
Als ich das Dorf verließ, da hatte ich eine wichtige Lektion gelernt: Jeder Mensch, egal woher er kommt und wie seine Umstände sind, hat eine Funktion in dieser großen Familie. Keiner ist wichtiger oder unwichtiger als der Andere, auch wenn uns das von außen oft eingeredet wird. Diese große Familie ist wie ein Kuchen, der aufgeteilt wird. Jeder kriegt ein Stück ab und es liegt in jedermanns Hand, zu entscheiden, was mit dem Kuchenstück passiert. Dörfer wie Nkwabeng werden eine große Heruasforderung sein und es wird anfangs vielleicht schwer sein sein Kuchenstück anzuhnehmen, aber am Ende wird es einer der leckersten Kuchen sein, den jeder einzelne unserer großen Familie gegessen haben wird.